Innocent Life

ava-1604Harvest Moon ist die Heiße-Semmeln-Franchise von Marvelous, was wohl auch erklärt, warum es ab einem gewissen Punkt eine enorme Output-Frequenz gab. Immer 2-3 Spiele angekündigt und dann auch noch zwei neue Spinoffs ausprobiert. Während Rune Factory gut angekommen ist, ist Innocent Life hingegen untergegangen. Das kann natürlich mehrere Gründe haben – ein RPG-Farm-Hybrid mag mehr neue Kundschaft locken, die Plattform DS hat evtl. mehr HM-tendierende Spieler als die PSP, oder schlichtweg das Rune Factory auch einfach ziemlich niedlich aussieht, während ein Blick auf Innocent Lifes Art-Direction spontanen Brechreiz verursacht.

Im Spiel sieht man davon netterweise übrigens nichts, nicht mal Portraits beim Sprechen. Innocent Life ist übrigens von Arte Piazza, die eher wenig durch eigene Spiele bekannt sind (Opoona ist von denen), sondern eher durch Ports, allen voran so ziemlich jedes Dragon-Quest-Remake das verdächtig nach der Engine von Dragon Quest VII aussieht – dem PSX-Original, bei dem keine einzige Wand gerade stehen kann, sondern leicht einsturzgefährdet aussieht. Mit den Polygon-Charakteren schaut Innocen Life dann tatsächlich verdächtig wie der kleine Bruder der PS2-Version von Dragon Quest V aus. Selbst die Charaktermodelle könnten vage auf Toriyama-Designs basieren, statt den Missgeburten auf dem Cover, für die der Zeichner weggesperrt gehört.

Achso, ja, das Spiel an sich. Ist eine Farmsimuation. Ach ne, ein Harvest Moon? Wirklich! Nein, was ich damit sagen will, ist, dass es grundsätzlich keine neuen Genre-Einschläge gibt wie Rune Factory, wo man eine halbgare Famsimulation mit einem halbaren RPG zusammengekettet hat. Innocent Life ist ganz straight Farmsimulation, nur „Futuristic“. Dies macht sich hauptsächlich darin bemerkbar, dass wir das Jahr 2020 schreiben und unser kleiner Astro Boy ein von Professor Hope gebauter Android ist, der mit der Arbeit auf der Farm beweisen soll, das man ganz back to nature doch noch mit der Hand und eigenem Schweiß arbeiten kann, statt sich auf Maschinen zu verlassen.

Ok, hier mal ein konzeptionelles Problem: Wenn es im Spiel darum gehen soll, wieder mehr mit eigener Handarbeit zu erledigen, sich nicht auf maschinelles Massenfarmen zu verlassen, dann sollte vielleicht der Hauptcharakter keine Maschine sein, egal wie sehr man auf Pinocchio macht, das er über das Jahr hinweg Menschlichkeit lernt. Ganz zu schweigen davon, dass in Innocent Life so gut wie nichts per eigener Körpferkraft erledigt werden muss. Die Tiere beispielsweise werden komplett maschinell gefütter (welches automatisch auftaucht, nicht selbst angebaut oder gekauft werden muss) und abgearbeitet, der kleine Atom muss sie nur jeden Tag schnell streicheln, um sie bei Laune zu halten. An Farmarbeit hat er nur die Aussaat und das Ernten zu tun, den Acker sauber halten und die Feldfrüchte ernten macht ein Roboterhelfer (Mega-Man-anspielend „Forte“ genannt) für einen – und selbst das Ernten kann man später mit den Einschienenbahnen automatisieren. Zurück zur Natur, my ass.

Für mich persönlich wirkt das alles wie ein nicht durchdachtes Konzept. Jemandem ist aufgefallen, dass das Spiel im Groben gar nicht anders ist, als Harvest Moon, sondern nur etwas mehr auf Story fokussiert villeicht, also den „A Futuristic Harvest Moon“-Titel kaum verdient, und hat dann ein paar maschinelle Zukunftssachen reingeworfen, nur um dann doch wieder zu merken, dass es damit keinen Grund gibt, nicht doch Großlandwirtschaft zu ermöglichen, also die „Handarbeit“-Sache reingenommen, um zu erklären, warum man immer noch als ein kleiner Farmer ohne Traktoren arbeitet.

Egal, die wahre Handlung hingegen dreht sich darum, dass der Vulkan bald ausbricht, weil der Feuergott schlecht drauf ist, und man mit dem Triggern von Cutscenes bei Leuten – hier und dort mal gekoppelt mit dem was man auf der Farm macht – einen Weg finden muss, wie jener wieder zufriedengestellt gehört (außerdem wird kurz was über eine Firma geredet, die hier alles zubauen will, aber ich weiß wirklich nicht, warum das nötig ist, oder warum man den Bauplan einer Insel nicht aufgibt, wenn es sie in zwei Jahren evtl. nicht mal mehr gibt). Das bringt viel Rennen quer über die Insel mit sich, um neue Gebiete freizuschalten, NPCs zu treffen, und ein paar Gegenstände aus Dungeons sogar zu holen. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum so viel auf der Farm automatisiert werden kann, warum man nicht heiratet oder sich mit Leuten anfreundet, warum Geld quasi nutzlos ist, da man nicht mal Erweiterungen bauen muss – nämlich damit man mehr Zeit hat die Story voranzubringen.

Zu Schade nur, dass deren Staging enorm unglücklich ist, mal wieder. Es ist das gleiche Problem wie beim Spielen aller Story-orientierten Harvest Moons: Es gibt einfach nicht genug zu tun, um wirklich mehr als ein Jahr über Wasser zu halten, wenn überhaupt. Und ein paar obskure Trigger können zudem dazu führen, dass man ewig auf die nächste Cutscene warten muss. Nur das einem bei Innocent Life, mehr Tiere und Feldfrüchte zur Auswahl als in Save the Homeland zum trotze – eben nicht genug Arbeit mit der Farm hat, bzw. dies durch die Nicht-Benötigung von Geld zudem öfter recht unnütz erscheint, um über die Downtime bei Laune zu halten. So sehr die Farmarbeit bei Rune Factory ebenfalls unausgegoren und nutzlos war, wenn man deswegen von jener viel zu schnell genug hatte konnte man sich wenigsten im ebenfalls unausgegorenen RPG-Part verlustigen. Innocent Life hingegen schneidet Sachen aus der üblichen Farmarbeit raus… ohne wirklich die Lücken mit was zu füllen.

Lasst mich mal meinen Ablauf im Spiel beschreiben. Im Frühling war ich gelangweilt, weil das Spiel so gut wie nichts freigeschaltet hat, so gut wie nichts in Sachen Story gemacht werden konnte. Ja man darf nicht mal das unmittelbare Farmareal in der ersten Woche verlassen, bevor die erste Ernte eingebracht ist! Als es dann Sommer war hatte ich richtig Spaß mit dem Spiel. Es gab nicht nur mehr Feldfrüchte, sondern auch den Roboterhelfer, mehr Foraging Items, die Option Tiere zu kaufen, die Möglichkeit viele neue Inselgebiete zu finden, und somit ordentlich die Story voranzutreiben. Also jede Menge Zeug, um die Tage auszufüllen. Stellt sich heraus, dadurch habe ich im Sommer das gemacht, was einen bis in den Winter vorhalten soll und somit nichts mehr im Herbst zu tun gehabt, neben er Farmarbeit natürlich (die ja jetzt mein Helfer großteils übernimmt). Erst gegen Ende Winter des ersten Jahres, in dem es zudem so gut wie nichts zum Anbauen oder Einsammeln gibt, um über die träge Zeit zu helfen, konnte ich endlich die Handlung abschließen.

Ich schaue übrigens immer gern vorm Beginn eines neuen Harvest Moons in einen FAQ, um zu sehen, wie es generell aubläuft, aber besonders um herauszufinden, ob ich was gewisses zu einem gewissen Zeitpunkt fertig haben muss, um nicht vom Spiel den Mittelfinger zu bekommen. Gut das ich dies auch in Innocent Life machte. Denn wenn man bis Ende Herbst die Gießkanne nicht auf Level 3 gebracht hat, kann man im Winter nichts anbauen, was wiederum dazu führt, dass man die finalen Story-Parts nicht triggern kann. Ich hätte also bis zum Winter des zweiten Jahres warten müssen, und somit ein komplettes Jahr durchstehen müssen, in dem es absolut nichts zu tun gibt.

Es ist wirlich schade, denn ich wollte Innocent Life echt mögen. Es ist sicherlich im Konzept mal ganz nett, und gerade wenn im Sommer so richtig die Luzi abgeht, war es auch launig. Aber für ein Spinoff, dem es hauptsächlich darum geht einer Handlung zu folgen, und deswegen bewusst die Farmarbeit fast obsolet macht, braucht es dann eben auch wirklich mehr Handlung, um die Spielzeit auch gefüllt zu bekommen.

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Ein Kommentar

  1. Ich finde das Cover jetzt nicht soo schlimm, wie du es darstellst.^^

    Generell glaube ich weiterhin, dass es ein Harvest Moon für mich sein könnte, denn ich fühlte mich (abseits des ersten Teils) immer sehr gestresst durch die vielen Möglichkeiten, die ich natürlich alle angehen wollte und nie wusste, wo ich anfangen soll, weswegen ich auch bis heute (bis auf den ersten Teil) kein weiteres Harvest Moon durchgespielt habe. Auch Rune Factory Frontiers steht hier noch offen.

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