Princess Tutu

ava-1600Okay, Princess Tutu Time! Ich muss direkt mal eingestehen, dass ich an die Serie nicht ohne Vorwissen herangegangen bin. Die Serie basiert auf einem Hirngespinst von Ikuko Itoh, die sonstig eigentlich nur für Animation und Charakter Designs zuständig ist, allen voran bei Sailor Moon. Das Konglomerat aus Magical Girl, Ballett und Märchen mit dem zuckersüßen Promotional Material lässt einen also auf ziemlich überktischten Schwachsinn fürchten. Die Sache ist nur die, dass ich Princess Tutu über die Jahre hinweg immer mal wieder genannt gehört habe, vor allem auch von jüngeren Anime-Einsteigern, die nach Serien wie Tutu und Utena rückgehend an Sailor Moon gegangen sind und den Archetyp des Genres häufig nicht so begeistert gegenüberstehen, da zu blöde, kindisch, kitschig und flach. Von daher war mir schon klar, dass Princess Tutu hinter dem Zuckerguss mehr zu bieten haben wird.

Die erste Folge (der 26 bzw. 38, je nachdem wie man zählt, da die TV-Ausstrahlung der zweiten Staffel in Halbfolgen geschah, die dann für die DVDs wieder zusammengezogen wurden) lies mich dann auch noch mit gemischten Gefühlen zurück. Die erste Hälfte war mir viel zu überdreht und slapsticky, die Stimme von Hauptcharakter Ahiru zu nervig. Aber ich war auch interessiert, durch die verdreht klingende Märchen-Narration zu Beginn; durch den creepy Drosselmeyer, der alles aus den Schatten im Auge behält; durch den emotionslosen „Prinzen“ Mytho, der scheinbar in einer Missbrauchsbeziehung mit Zimmergenossen Fakir scheint; und natürlich der WTF-Moment, wenn Ahiru am Ende ihrem Namen gerecht wird und sich in eine Ente zurückverwandelt.

Tatsächlich ist Tutu hier Utena nicht ganz unähnlich, da eben dunkle Geheimnisse hinter all der Kitsch-Optik stecken, und eben auch da alles häufig sehr symbolisch ist und zum Weiterspinnen einlädt, nicht zuletzt auch die verschiedenen Erzählebenen und Archetypen aus Magical Girl, Märchen und Ballett nicht zufällig sind, sondern ineinander gewoben werden und durchaus Sinn und Forshadowing betreiben.

So trägt jede Folge den Titel eines berühmten Ballettstücks und die Musik ist so gut wie komplett aus jenen entnommene Klassik – haben aber immer durchaus einen Bezug zu dem, was in der Folge/Szene geschieht. Jede Episode startet mit einer Erzählerin, die in drei Sätzen einen Märchen-Prolog hält, der nah an die uns bekannten europäischen Märchen erinnert, aber meist einen fiesen Unterton bereit hält, und erneut natürlich damit zusammenhängt, was in der Episode geschehen wird.

Wir haben hier die Archetypen aus dem Genre Magical Girl, gemixt mit Charakterarchetypen aus Märchen. Ahiru kann sich also durch ihre Brosche in Princess Tutu verwandeln, die die emotionalen Konflikte vieler Personen nicht durch einen Kampf gegen das Monster des Tages erledigt, sondern in dem sie mit ihnen tanzt! Tanz ist nun mal nicht einfach nur da, um hübsch auszusehen, sondern auch um Emotionen zum Ausdruck zu bringen, bzw. gerade im Ballett ganze Geschichten zu erzählen. Aber hier ist der Twist: Das Mädchen Ahiru ist auch nicht ihre wahre Form, sondern sie ist tatsächlich nur eine schnöde Ente, die druch das Zaubermedaillon erst zum Menschen wird! Denn hier kommt eine weitere Erzählebene hinzu: Das Geschehen in Princess Tutu ist nur eine Geschichte. Die letzte von Drosselmeyer geschriebene Geschichte „Der Prinz und die Krähe“, die er nach seinem Tode einfach weiter und weiter spinnt, zu seiner eigenen Belustigung. Und was wäre eine gute Geschichte ohne die nötige Tragik. Da passt es doch perfekt, dass der Dreh- und Angelpunkt der Princess Tutu nur eine Nebenfigur war, die zum Aufpeppen der verrannten Geschichte gedacht ward, und eigentlich wieder zur unbedeutenden Ente werden muss, wenn sie ihre Mission, die Rettung des Prinzen, erfüllt hat, ihre Geschichte also nicht gut ausgehen kann. Der Kampf gegen Fremdbestimmung und Schicksal ist damit ein weiteres Thema der Serie.

Und der Prinz an sich. Hier hat Tutu tatsächlich eine ähnliche Vorstellung wie Utena: Ein Prinz ist eine reine Lichtgestalt, die selbstaufopferungsvoll es allen recht machen will und von allen geliebt wird. Sprich ein Prinz ist ein unrealistischer Gutmensch, der nie glücklich und mit dem man nicht glücklich werden kann, weil er mit der Welt geteilt werden muss. Mytho verkommt dann tatsächlich mehr zum wandelnden Plot Device, der dazu da ist, damit sich die Handlung und vor allem alle anderen Charaktere weiterbewegen. Er selbst ist eine leblose Puppe, seit dem er mit den Fragmenten seines zerstörten Herzens selbstaufopfernd den Monsterraben versiegelt hat. Sein bester Freund Fakir, der ihn zum Schutz stehende Ritter, und die in ihn verliebte Rue, wollen das auch so lassen. Denn Rue hat nun seine (vorgespielte) ungeteilte Liebe, solange er nicht als Prinz auch es allen anderen Recht machen will, während Fakir ihn nur in Sicherheit sieht, wenn er nicht als Prinz gegen alle Schurken der Welt kämpfen muss. Mytho an sich ist quasi die ganze Serie über entweder absolut passiv, oder von jemandem Fremdgesteuert.

Was ich sagen will, ist, dass Princess Tutu definitiv wesentlich komplexer ist, als dies zuerst den Anschein hat. Es ist eben nicht Pretty Cure mit Ballett. Es ist eine angenehm kurz gehaltene, auf den Punkt gebrachte, Serie, die einen richtig in den Bann ziehen kann, mit all dem hintergründig ablaufenden Kram, dem vordergründigen Drama und Überraschungen. Sicher, es wird getanzt. Sicher, Ahiru muss sich jede Folge einmalig in Tutu verwandeln, um die eine oder andere Art von Auseinandersetzung zu bestreiten, aber die Serie ist alles andere als gewöhnlich oder langweilig, sondern überaus faszinierend und rockt ganz gut.

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