What is love? Baby, don’t hurt me. Don’t hurt me no more.

ava-1218Es gibt zwei Wege, um ein erfolgreiches Indie-Game zu machen. Ersterer: Retro-Design, um an die guten alten Tage zu erinnern, als man ein NES hatte und drei Wochen am Stück im ersten Stage von Castlevania gescheitert ist, bis man Dank Stockholm-Syndrom dachte, daran Spaß zu haben. Zweiterer ist einfach möglichst vage und prätentiös zu sein, in der Hoffnung, die Hipster interpretieren schon eine tiefere Bedeutung in das Ding rein, als da ist – denn Spiele sind Kunst, aber nur Indie-Games, nicht die herzlos von Robotern zusammengeschmissenen kommerziellen Titel. Ich mein, Bit.Trip sieht tatsächlich nach einem spaßigen, simplen Konzept aus, aber sobald ich dann höre, dass die einzelnen Teile die verschiedenen menschlichen Geisteszustände oder so einen Mist repräsentieren sollen, muss ich spontan genervt Stöhnen. Wobei, neuerdings scheint es auch eine dritte Möglichkeit zu geben: Spiel ohne Ziel programmieren, dass einen nach zehn Minuten per Jump Scare umbringt und schon tun alle Pussies im Internet so, als wär es das unheimlichste Ding seit Hannibal Lector.

loved fällt in die zweite und beliebteste Kategorie. Es ist sicherlich kein erfolgreiches Spiel, was aber auch einfach daran liegt, dass das Ding ein free to play Teil auf Newgrounds ist und selbst der abgehobenste Hipster nicht Realitätsfremd genug ist, so weit zu gehen, irgendwas auf Newgrounds für wertig zu halten. Doch wär das Ding als 1$-App auf diversen Smartphones erschienen, wäre das vielleicht schon wieder was anderes, da es alles hat, was ein solches Spiel ausmacht.

Das ganze Teil ist in schattenrissiger Pixelgrafik gehalten. Zu Beginn wird gefragt, ob man Frau oder Mann ist, doch behauptet das Spiel sofort, man wäre das Gegenteil. Nun geht es durch ein paar einfache Sprungpassagen, während derer einem das Game immer wieder sagt, was man tun soll – benutze den Checkpoint, benutze den nicht, nimm den unteren Pfad etc. – und wenn man jene befolgt, gratuliert es einen, wenn man das Gegenteil tut, schimpft es. Am Ende sagt es dann zu einem gefügigen Spieler „Ich liebe dich“, zu einem rebellischen „Warum, dabei liebte ich dich doch“. Und das war es.

Dabei ist es natürlich absolut eindeutig, dass dies hier Beziehungen repräsentiert. Der Pfad durch eine ist immer ein Hindernisparcour, wenn ich aber mit meinem Partner zusammen arbeite, weiß ich wenigstens, was auf mich zu kommt, wenn ich ständig gegen ihn steuere, ist alles ungewiss (die Grafik wird verpixelter, wenn man die Befehle nicht befolgt), scheint aber auf den ersten Blick bunter. Und wenn ich mein eigenes Ich komplett aufgebe und mich in jeder Lebenslage von meinem Partner lenken und bestimmen lasse, dann bleiben wir zusammen und ich bekomme am Ende die metaphorische Münze, also Sex. Wenn ich am Ende allein meinen einsamen Pfad durch diese Welt antreten will, muss ich meinem Partner nur zu wiedersprechen beginnen.

Totaler Bullshit das, natürlich. Überhaupt zu interpretieren anzufangen nämlich, kleine Pixelgrafik-Platformer ohne Schwierigkeit zu programmieren und dem ein vages Thema aufzudrücken, das nie wirklich repräsentiert wird, ist eine billige Art, intellektuell zu wirken, weil eben Gleichgesinnte, die schlau aussehen wollen, so lange an dem Ding rum philosophieren, bis sie ein höheres Ziel und eine möchtegern-clevere Botschaft zusammen haben. Für den eigenen Schulterklopfer.

Aber was solls. Mal ganz ehrlich, zwingt mich ja keiner Indie-Games zu spielen, wenn ich nicht will. Ich kann das komplett ignorieren und gut ist. Und Indie-Spiele sind ja auch nicht alles Übel der Welt, sondern eine nette Art, ein Spiel zu machen, selbst wenn man keine finanzielle Unterstützung bekommt (wobei man mittlerweile ja einfach schnell einen Kickstarter zusammen wirft und die potentielle Spielerschaft es im Voraus bezahlen lässt). Dafür gibt es eben auch keine Qualitätskontrolle und heutzutage einfach zu viele Möchtegern-Intellektuelle, die sich beweisen wollen, sowohl in dem sie solche Spiele machen, wie solche zu spielen und dann so zu tun, als wäre es eine Horizonterweiterung gewesen. Und das ist es, was mich häufig nervt, nämlich nicht die Spiele an sich, sondern zum zehntausendsten Mal zu lesen, wie tiefgängig doch Braid ist oder wie furchtbar du dich in Slender erschreckt hat. Ich kann einfach nicht anders. Vielleicht hat Journey tatsächlich die Berechtigung, so viele Jahresawards zu gewinnen, ich hab es ja nicht zu Kontrolle selbst gespielt, aber in meinem Kopf kann ich nur vorverurteilend dran denken, dass dieses Konzept wieder nur ein weiteres Möchtegern-schlaues Ding ist, das die Kritiker hoch loben, um zu beweisen, dass sie es verstanden haben, auch wenn es daran nichts zu verstehen gibt. Da sie mal wieder beweisen müssen, Spiele sind nicht einfach schnödes Unterhaltungsmedium, nein sie sind KUNST (eine Debatte, die ich eh schon seit Ewigkeiten leid bin). Ich hasse also nicht so sehr Indie-Games an sich, sondern eher das Klima um sie herum.

Ich muss damit zu leben lernen, wie mit allem. Habe ja keine andere Wahl und gelobe Besserung. So ist es nun Mal mit Mainstream-Medien. Je verbreiteter etwas ist, umso mehr Wichtigtuer zieht es natürlich auch an. Im bibliophilen Bereich gibt es jene, die nur über die großen Schreiber reden. Es gibt Filmbuffs, die nie was aus Hollywood schauen würden, nur über diese obskuren kenianischen Schmuckstücke reden. Diejenigen, die nur Vintage Musik hören, da alles aktuelles eh nur zusammengecasteter Schrott ist. Und mittlerweile sind eben auch Videospiele kein Nischenprodukt mehr, sondern im Mainstream angekommen, ihre Existenz jedem bekannt und sie ein großes Ding – da haben wir nun also ebensolche, die es nicht leid werden, über FPSathons zu meckern und zu erinnern, dass sie ausschließlich all diese kleinen Indie-Perlen zocken, die mit so viel mehr Herz und Liebe und natürlich Köpfchen programmiert wurden. Wenn es jetzt schon Spiele für verprügelte Hausfrauen wie loved gibt, wird’s schwer sich noch so vorzukommen, als wär man hier noch Teil eines neuen Underground-Dingens.

Man muss doch beweisen, dass man sich von der breiten Masse abhebt, ich ja nicht so, dass ich selbst nie dessen schuldig gewesen wäre. Und fällt mir in den Threads zu Dungeon Crawlern, jetzt wo ich sie verstärkt spiele, immer wieder auf. Wo dann jeder zweite Post betrauert, dass es dieses Nischensubgenre ja fast gar nicht mehr gibt. Eine Aussage, die getätigt wird, weil man das nicht wirklich schade findet, sondern weil man sich dann für was Besonderes hält, dessen Geschmack nicht mit dem Mainstream analog läuft. Wahr ist es sowieso nicht. Das erste Etrian Odyssey hat 2007 das Genre revitalisiert und seither haben wir 4 Etrian Odysseys, 5 Elminages, 3 7th Dragons, 4 Class of Heroes, 4 Spiele der Wizardry Renaissance, 2 Unchained Blades, The Dark Spire, Shin Megami Tensei: Strange Journey, Demon Gaze, Students of the Round, Legend of Grimrock… Mensch, was sind oldschoolige Dungeon Crawler doch für eine verdammt aussterbende Spezies, eh? Immerhin sind 2/3 davon Japan only, da fühlt man sich gleich wieder obskurer.

Ich bin dann mittlerweile in einem Alter, wo man da etwas gechillter ist. Wo man nicht mehr ständig die Bestätigung von außen und sich beweisen muss. Ich spiele, was ich spiele, weil ich es spielen will, nicht um mir oder anderen was zu zeigen. Nur über das sich hier und da von elitären Hipstern nerven lassen, bzw. eben auf dieses Geschwätz nichts zu geben, muss ich wohl noch etwas proben. Aber es wird besser. Hoffe ich.

[/biennial inane rambling post]

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6 Kommentare

  1. Normalerweise gehe ich deine Beiträge der Reihenfolge nach durch, doch ich habe das dringende Bedürfnis, mich zum Thema zu äußern. Ich kann zwar jetzt zum Spiel selbst nichts sagen, aber das dürfte hoffentlich nicht weiter stören.

    In einer unserer Gespräche/Chats/Whatever habe ich mal gesagt, dass ich einen merkwürdigen, nicht immer massenkompatiblen Geschmack besitze. Natürlich habe ich das trotz meiner ernsthaften Scherzhaftigkeit gesagt, weil ich mich in dem Moment von der ach so verpönten Masse abheben wollte und es auch so gemeint habe. Jeder hat solche Aussagen irgendwann einmal getätigt und da kann niemand was Gegenteiliges behaupten.
    Nichtsdestotrotz leugne ich nicht die Gemeinsamkeiten mit dem Mainstream, denn es wäre lächerlich, wenn ich plötzlich meine Affinität zu Pokémon oder Disney verheimlichen würde und ich finde es persönlich auch ganz schlimm wenn man andere Personen deswegen verurteilt.
    Du magst Call of Duty und machst Let´s Plays von Minecraft? Oder findest den Hobbit und/oder Lady Gaga toll? Cool, ich muss zwar nicht immer automatisch mit deiner Meinung übereinstimmen, aber wenn du es magst, warum nicht? Ich wünschte, man würde es allgemein so sehen und nicht gleich in Abwehrstellung gehen, sobald es um den Mainstream geht. Akzeptanz, Toleranz, habt euch lieb, … [Hier Hippie-Aussagen einfügen.]
    Ernsthaft jetzt – man sollte andere Meinungen in einem gewissen Rahmen respektieren und seine eigene nicht immer über andere stellen. Wenn man das ernsthaft versucht, degradiert man die Wertigkeit anderer und die ihrer Aussagen, was in meinen Augen einen Kotzkrampf auslöst. Aber vielleicht bin ich auch zu lasch…

    Diese nervige, überinterpretierbare Anhängerschaft betrifft aber nicht nur Indiespiele, sondern auch so manches kommerzielles Projekt. Ich sehe keine Föten in EarthBound, möchte Magicant nicht als Mutter betrachten und dein genanntes Beispiel Bit.trip ist auch so ein Beispiel, bei dem ich den tieferen Sinn nicht von selbst gesehen habe. Und Slender ist nicht automatisch gruselig.
    Es mag ein komischer Zufall sein, aber vor nicht allzu langer Zeit entbrannte innerhalb der Mother-Community eine Diskussion, bei der u.a. behauptet wurde, dass die „neuesten“ Fans der Reihe (also seit Brawl) nur deshalb die Reihe mögen, weil es so hipsterlike wäre und diese neue Welle der Fans am besten verschwinden möge.
    Ich gehöre ja zu diesen „neuen“ Fans und wenn ich etwas mag, dann mag ich es und nicht weil es gerade angesagt oder nicht angesagt ist. Nothing more to say. Außerdem finde ich solche „alten, wahren“ Fans mit ihren Verallgemeinerungen nicht viel besser als diese Hipster, da sie im Endeffekt genau dieselben Aussagen in anderen Farben treffen. Einfach widerlich.

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    • Genau. Ich mein, jedem das Seine und was ihm/ihr Spaß macht. Wenn dies nun mal ausschließlich Indies sind, ist das auch gut (genau so, wie wenn das ausschließlich FPSes sind). Es ist halt immer nur, warum das Bedürfnis seine Gaming-Entscheidung rechtfertigen zu wollen, warum muss es mehr sein, man besser sein, als der Rest? Dazu gehört natürlich auch der „Truer than you“-Elitismus, den du angesprochen hast. Ich bin ein wahrer Megami-Tensei-Fan, weil ich hab das schon gespielt, bevor Persona 3 den Beliebtheits-Urknall auslöste. Ich fand Final Fantasy VI schon toll, als es noch III hieß. Ich bin schon Gamer, als ich damals das NES gespielt hab, du bist ja erst mit dem Gamecube dazu gestoßen. Du bist kein richtiger Gamer, weil du ja nur Casuals spielst.

      Wir sprechen hier ja nicht mal von echten nützlichen Skills, wie einen höheren IQ zu haben, künstlerisch begabt zu sein oder Sonstiges, was einen wirklich in einem Bereich „besser“ als andere macht, sondern von Videospielen.

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  2. Ja hab ich das jetzt gern gelesen! Du solltest so etwas echt öfter machen!

    Lg,
    Ste-„Ich hab neben Wes Anderson die Ninja Turtles im DVD-Regal stehen“-fan

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  3. Ohne den Titel zu kennen nur beipflichten, dass es wenig Gründe gibt, aus Indie- oder experimentelleren Spielen so eine große Sache zu machen. Dieses Jahr kam ich übrigens in den Genuss von Journey. Keine Ahnung, was irgendwer darüber philosophiert, aber das Spiel selbst ist echt schön.

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    • Die Journey Collector’s Edition mit flow und Flower spukt mir ja auch immer mal wieder im Kopf rum. Sind wohl aber auch mehr „virtuelle Erlebnisse“, denn klassisches „Spiel“. Was mir als Fan von Aquanaut’s Holiday und Endless Ocean nichts Schlechtes ist.

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      • flow hab ich noch nicht gespielt, aber Flower kann ich nur empfehlen, das ist echt schön. Da man zumindest Flower und Journey je an ein bis zwei Abenden durchkriegt, kann man ohnehin nicht viel falsch machen.

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