The Tall Man

Jemand hätte den Film vielleicht doch lieber The Secret oder Cold Rock nennen sollen, wie ich es auf einigen Postern zu Gesicht bekommen habe. Denn ein Film, der sich um Kinderentführungen dreht und diesen Titel trägt… lässt natürlich jeden sofort an ein Ripoff des zeitlich populären von SomethingAwful kreierten Mythos des Slender Man denken. Dabei sind Monster, die was mit Kindern anstellen, natürlich alles andere, als ein neues Ding (wenn was unschuldigen Kindern passiert, ist das eh immer effektiv) und auch das Design eines großen, schlanken, bleichen Wesens in schwarzem Outfit eine absolute Genre-Konvention, man sehe beispielsweise die Gentlemen aus Buffy (denen wir eine der wenigen tatsächlich unheimlichen Folgen zu verdanken haben) oder Yahtzees Indie-Adventures des Chzo Mythos, in dem es um ein Wesen mit den Namen Tall Man geht! Der Film ist letztendlich vom Kerl hinter Martyrs, deswegen ist es hoffentlich nicht zu viel verraten, dass er es sich so einfach gar nicht macht und letztendlich keinerlei Ähnlichkeiten zum Slender Man auftauchen werden.

Cold Rock ist eine runtergekommene Kleinstadt irgendwo im amerikanischen Hinterland. Einst war es ein ganz ordentliches Arbeiterstädtchen, doch seitdem die Lebensader, nämlich die Miene, stillgelegt ist, kehrten Armut und Verfall in die Stadt ein. Seither verschwinden auch Kinder, was nach und nach den Mythos des Tall Mans hervorgebracht hat, der sie angeblich mit sich in den Wald nimmt.

Julia ist eigentlich eine Krankenschwester, als ihr Mann verstarb, welcher der Arzt der Kleinstadt war, hat sie allerdings dessen Rolle übernommen. Sie lebt zusammen mit ihrem Sohn und einem Kindermädchen. Doch eines Nachts wird auch ihr Junge entführt und die toughe Mutter macht sich beinhart auf die Verfolgungsjagd.

Über The Tall Man zu schreiben, ist schwer, da es ein sehr verwinkelter Film voller Twists und neuer Offenbarungen ist. Man will ja nichts verraten, weil dies dem Film sonst seine Spannung nimmt, aber irgendwas muss man auch wiederum drüber schreiben können. Er ist jedenfalls kein sehr Publikumsfreundlicher Film, denn er ist letztendlich etwas ganz anderes, als man reingehend erwartet. Das ist gewollt, selbst die Trailer spoilern einem nichts, sondern wiegen einem in die falsche Sicherheit, es wäre ein Horrorfilm, in dem eine Mutter ein Wesen jagt, das ihr Kind entführt hat. Das dem nicht wirklich ganz so ist, soll überraschen, soll zum Rätselraten animieren, aber es stößt natürlich auch einigen auf, hier nicht geliefert zu bekommen, was sie wollen. Es ist genau genommen noch nicht mal wirklich ein Horrorfilm, sondern verkleidet sich lediglich als einer.

Beispielsweise lässt schon die dramatische Entführungs-/Verfolgungsjagdsequenz daran denken, dass der Tall Man vielleicht gar kein übernatürliches Wesen ist. Danach mag man meinen, vielleicht ist es eine Verschwörung der Stadtbewohner. Dann wiederum kommen einem Zweifel auf, ob der Junge wirklich Julias Sohn ist. Es ist ein dramatischer Psychothriller, der sich einen Spaß draus macht, einem im falschen Glauben zu lassen, man hätte raus, worauf er hinauslaufen will, nur um es dann später doch zu wiederlegen und einem eine neue Facetten darbietet, einen neuen falschen Weg, was nun hinter allem stecken könne. Wem dieses Verwirrspiel und Rätselraten nichts bringt, der ist natürlich echt falsch hier. Creepy Monster entführt Kids ist’s auf jeden Fall nicht. Dazu kommt noch ein ambitioniertes Ende, dass keine definitiven Antworten gibt auf eine Thematik, die keine einfachen Lösungen bereithält.

Mir war The Tall Man jedenfalls gefällig. Was ganz anderes, als ich beim Reingehen erwartet hatte, aber genau deswegen mag ich ihn. Er überrascht, er macht es sich nicht einfach, er lässt sich nicht so einfach einschubladen.

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