Ghibli Sunday – Spirited Away

Chihiros Reise in Zauberland, der Film, der alle überraschte, bei der Berlinale 2002 eigentlich eher unter “ferner liefen” eingestuft wurde, weil warum würde schon so ein japanischer Animationsfilm gewinnen? Und dann plötzlich tat er’s und die Kritiker mussten sich den Film noch schnell anschauen, um was drüber schreiben zu können (da man Zeiteffektiv ja eigentlich vorrangig erst mal in die Screenings der Filme geht, die als mögliche Gewinner gehandelt werden). Chihiro ist seit Cinderella auf der allerersten Berlinale (wo sowieso noch so einiges anders lief) überhaupt erst der zweite Animationsfilm, der in Konkurrenz lief. Sicherlich, er musste sich den Gewinn mit Bloody Sunday teilen, aber wer hätte schon gedacht, dass er bei einem deutschen Filmpreis abräumt und dann auch noch, wo es nur einen Gewinner gibt, nicht wie bei den Academy Awards viele Kategorien. Wir Deutschen sind halt einfach zu bieder, um einem „Kinderfilm“ Erfolgschancen einzuräumen.

So wirklich an eine deutsche (Heim-)Kinoauswertung traute man sich dann allerdings doch nicht so schnell, schien dem inländischen Preis nicht zu trauen. Denn erst nachdem der Film ein ganzes Jahr später im März 2003 auch den Oscar als Best Animated Feature abräumte, wurde auch endlich für den Sommer ein Landesweites Kino-Release und für Jahresende die DVD angekündigt. Geöffnet waren die Tore für eine Widerverwertung von Prinzessin Mononoke und in den folgenden Jahren dem restlichen Ghibli-Katalog auf DVD (plus der einen oder andren Kinoaufführung, ob nun großflächig wie für Das wandelnde Schloss oder punktuell wie Das Schloss im Himmel). Zu behaupten das damit nun wirklich viele Augen geöffnet worden wären und Anime in Deutschland kein Nischenmarkt mehr ist, wäre natürlich dennoch dreist gelogen, aber eine gewisse Landmarke ist Chihiro damit dennoch. Und ein wenig besser stehen wir nun ja immerhin schon da – ob das jetzt mit dem Preisabräumer Chihiro zu tun hat, oder der Tatsache, dass immer mehr Kids mit RTL2-Serien wie Dragonball, One Piece, Naruto und so aufwachsen, sei dann mal dahingestellt.

Aber genug von dem ganzen Quatsch und zu Japans erfolgreichsten Film aller Zeiten, präziser worum es in jenem überhaupt geht: Chihiro ist eine ganz normale 10-Jährige, also so ein wenig ein Balg, schlecht drauf, selbstbezogen und feige. Die Tatsache, dass sie mit den Eltern gerade in eine neue Stadt umzieht und ihre Freunde hinter sich lassen muss, macht ihre Laune natürlich nicht unbedingt besser. Auf dem Weg verfährt sich die Familie und landet in einem verlassenen Vergnügungspark. Zumindest ist keine Seele dort zu sehen, Essen an der Bude köchelt aber dennoch lecker vor sich hin, weswegen Muttchen und Papchen sich dazu entscheiden, einfach mal zuzulangen, irgendwann wird schon jemand kommen, bei dem sie bezahlen können.

Doch die hereinbrechende Dunkelheit bringt keine Menschen hervor, sondern Sagenwesen und verwandelt die ungebetenen Gierschlunde in zwei Schweine. Chihiro hat sich den Magen nicht vollgeschlagen und bleibt somit ein Mensch. Doch um ihre Eltern vom Fluch befreien zu müssen, muss sie sich im Badehaus der Hexe Yubaba, wo die japanischen Götter zum Relaxen auftauchen, erst ordentlich nützlich machen. Und so hat die 10-Jährige plötzlich einen Job, und nicht gerade einen angenehmen. Außerdem heißt sie nun Sen, da Yubaba ihr die restlichen Schriftzeichen ihres Namens genommen hat. Sollte sie während ihrer Zeit in deren Diensten je ihren wahren Namen vergessen, gibt es kein Zurück mehr.

Und so entfaltet sich die Fabel um das verzogene Gör Chihiro, die zur hart arbeitenden Sen wird, um ihre Familie und den netten Jungen Haku aus Yubabas Badehaus zu befreien. Denn das ist im Prinzip die Hauptmoral diesmal im Film. Die aktuelle Jugend ist verweichlicht und verzogen, Chihiro zeigt dies auf – immerhin ist Miyazaki zum Filmrelease auch schon 60 gewesen und somit ein „verkommene Jugend von Heute“-Gemecker schlichtweg überfällig. Aber nicht nur die Jugend ist schuld, die Gesellschaft an sich ist arrogant und unsozial geworden. Das zeigt ja auch das Verhalten von Chihiros Eltern, Yubabas Übersorge gegenüber ihrem eigenen verzogenen Balgs oder das Ohngesicht, welches auch Völlerei frönt und sich dabei Zuneigung mit Geschenken erkauft. Währenddessen wächst Chihiro als Sen eben geistig und seelisch. Sie wird bodenständiger, weniger verzogen, der harte Alltag macht sie erwachsener. Ein wenig Umweltbotschaft gibt’s durch den verdreckten Wassergott natürlich auch.

Und somit haben wir ein Märchen für Groß und Klein, mit Botschaft in Form von merklicher aber nicht zu aufdringlicher Gesellschaftskritik, mit viel Imagination dank des Tauchens in die illustre Götter- und Sagenwelt Japans, mit Action, mit Herz und Charme, mit Seele dahinter, auch mit einer nicht zu dick aufgetragenen Romanze und natürlich wie immer prächtig animiert. Sprich Chihiros Reise ins Zauberland ist wohl einer der rundesten Filme des Studio Ghiblis geworden. Wem Prinzessin Mononoke zu ernst ist, Die letzten Glühwürmchen zu depressiv, Stimme des Herzens zu alltäglich, Mein Nachbar Totoro zu ereignislos ist… Chihiro hat von allem etwas in ziemlich ausgewogenen Maßen.

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7 Kommentare

  1. War mein erster Ghibli und hat mich sofort mitgerissen. Diese wunderbare Welt, die Detailverliebtheit in allem und die doch recht rührende Geschichte… Definitiv ganz weit oben auf meiner Ghibli-Liste, auch wenn die noch recht klein ist, da ich nicht allzuviele Filme gesehen habe. Von Mononoke-hime ist irgendwie so gar nix hängen geblieben… =/

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  2. Lange Zeit war dieser mein Liebling unter den mir bekannten Filmen aus dem Hause Ghibli. Er war sogar einer der wenigen Filme, den ich mir damals in den Kinos ansehen durfte beziehungsweise konnte (bla bla Kaff bla bla keine Möglichkeit bla bla Erste Welt-Problem bla bla…) und bis heute der einzige Ghibli, den ich auf einer großen Leinwand bestaunen durfte. [Füge hier die übliche Erklärung ein, die ich schon tausendmal gebracht habe.]
    Dann kam aber Totoro, den ich zwar nicht objektiv, aber dafür subjektiv besser fand. Nichtsdestotrotz ist Chihiro ein bezaubender Film, den ich mir immer wieder mal gerne ansehen kann.
    Besonders erwähnenswert ist die Szene, in der Chihiro ihre Namenskarte von Haku bekommt, etwas isst und dabei weint. Diese Szene ist auf subtile Art und Weise angefüllt mit Emotionen, die mich einfach fast mitreißen lassen. Einfach wundervoll!
    Dann natürlich noch dazu „One Summer Day“ von Joe Hisaishi und diese atemberaubende Detailverliebtheit, die sich durch den ganzen Film zieht. Außerdem kommen Rhododendren vor, yay!

    Ich höre besser wohl auf, ehe meine Liebeserklärung zu lang wird.

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    • Miyazaki und Takahata sind überhaupt gut, was die kleinen, aber ausdrucksstarken Szenen angeht. Die Ghiblis sind voll davon. Ob nun dein Beispiel hier, der Roboter mit der Blume im Laputa, diverse Szenen in Das wandelnde Schloss oder ach so viele Beispiele in Totoro oder den Glühwürmchen.

      Und von mir aus kannst du deine Kommentare so lang halten, wie du magst ;P

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  3. Bei diesem Film ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass die deutschen Synchros sich durchaus hören lassen können. Generell bei den Ghibli-Filmen.

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    • Deutsche Synchros sind häufig besser, als ihr Ruf. Wobei interessant ist, dass sich da die Waage gekippt hat: Früher waren die TV-Ausstrahlungen anständig synchronisiert, während die VHS-Releases low budget waren, heutzutage sind eher die von den Anime-Labels releasten Sachen brauchbar, während viele TV-Serien wackelige Vertonungen aufweisen. Zumindest besser als ihre US-Gegenstücke sind viele unserer Releases auf jeden, gerade bei den Ghiblis.

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