Ghibli Sunday – Only Yesterday

Taeko ist eine junge, unverheiratete Frau mit gutem Bürojob in Tokyo, wo sie geboren und aufgewachsen ist. Zumindest nach unseren Verhältnissen ist sie eine junge Frau, mit 27 unverheiratet zu sein macht sie in Japan natürlich schon fast zur alten Jungfer, bei der man sich fragen muss, was mit ihr schief gelaufen ist, dass sie keinen Mann dazu bringen kann, sie zu heiraten. Anwandlungen wie weiblicher Karierewunsch, warten auf den Richtigen oder Homosexualität sind nette Naivitäten, wenn man auf die Uni geht, aber mit Mitte Zwanzig sollte man langsam mal erwachsen werden und eine Familie gründen, um seinen Zweck als Rädchen im Bienenvolk zu erfüllen.

Taeko ist davon allerdings ziemlich unbelastet, tut das mit einem Lächeln und Winken ab. Momentan ist sie sowieso viel zu gut drauf, hat sie sich doch 10 Tage Urlaub genommen, um aufs Land zu fahren. Dort will sie die Atmosphäre genießen, während sie den Bauern erneut bei der Ernte hilft, anstatt sich einfach auf die faule Haut zu legen und zu entspannen. So holt sie sozusagen nach, dass sie als Stadtkind ohne landlebende Großeltern dies in ihren Sommerferien nie tun konnte. Und wer weiß, vielleicht ist das Glück ihr ja hold und sie findet dort einen netten Bauern, der sie heiraten will und so zu einem richtigen Menschen macht, zumindest so weit, wie man das als Frau sein kann. Aber erst mal ruft die Reise viele Erinnerungen an ihre Kindheit wieder wach.

Denn genau genommen ist die Urlaubsreise der erwachsenen Taeko nur der Mantel, der die einzelnen Episödchen aus ihrer Kindheit als etwas 10-Jährige in den 60ern zusammen hält, der Sache einen Faden verleiht, an dem sich die Erinnerungen aufreihen. Sich mit den beiden älteren Schwestern streiten, eine schlechte Arbeit nach Hause bringen, das erste Mal verliebt, Aufklärungsarbeit über die erste Periode, sauer auf den strengen Vater sein und so weiter.

Damit ist Tränen der Erinnerung der normalste und ruhigste Film im Ghibli-Kanon, weil er zwar mit viel Charme und Nostalgie, aber eben doch nur gewöhnliche Alltagssituationen präsentiert. Taeko gelangt nicht durch Wandschrank oder Hasenbau in eine Zauberwelt, in ihrer Kindheit gab es keinen Weltkrieg oder eine tausende Meilen weite Reise zur Mutter in Argentinien. Nein, Taeko war ein ganz normales, vielleicht etwas zickige kleines Mädchen.

Besonders hier ist übrigens die Animationsarbeit, die dem bodenständigen Film noch mehr Realismus verleihen soll. Ghibli-Filme sind eigentlich immer ganz gut darin, über die Gestikulation und auch hier und da mal einen Versprecher die Charaktere lebensnah zu präsentieren. Hier kommt noch hinzu, dass man das Mienenspiel wesentlich stärker ausarbeitet, weswegen Tränen der Erinnerung auch zuerst die Sprecher aufnahm und dann auf ihren Text drauf animiert wurde (in Japan wird im Gegensatz zu Amerika erst animiert und dann müssen die Synchronsprecher halt passend drauf reden), damit die Mimik passt. Das ist ehrlich gesagt ein etwas seltsames Ergebnis, da wir das von animierten Figuren nicht gewöhnt sind und es ja die Regel gibt, dass jede Falte einer gezeichneten Person gleich ordentlich Jahre optisch drauf setzt, wodurch die Charaktere manchmal einfach nur eben alt wirken, wenn sich in ihren Gesichtern die Mimikfalten breit machen. Im Kontrast dazu sind übrigens die Erinnerungen etwas traumhafter gehalten, die Animation ist klassischer und die Farben sind pastelliger haben etwas von einem Kinderbuch.

Wie bereits erwähnt ist Tränen der Erinnerung, weil er sich vorrangig an ein Publikum wie Taeko richtet, also erwachsene Frauen, die in Erinnerungen schwelgen wollen, der ruhigste Ghibli und für diejenigen, die mit solchem alltäglichen Slice of Life nichts anfangen können sicherlich der langweiligste. Doch ich fand ihn ganz nett, Takahata hat einfach ein Händchen dafür, Alltäglichkeit charmant zu präsentieren.

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4 Kommentare

  1. Diesen Film habe ich schon Ewigkeiten als Wunsch bei Dschini, denn es ist ein Film, den ich mir gerne ansehen würde. Leider hat sich mein Wunsch bis heute nicht erfüllt, aber das liegt auch an meiner eigenen Faulheit. Deshalb kann ich nicht viel zum Film sagen. Falls sich das aber ändern sollte, werde ich es dich wissen lassen.

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    • Ich muss sagen, bei mir würde Tränen der Erinnerung wohl auch bei der DVD-Einkaufs-Prioritätenliste von den Ghiblis eher eine untergeordnete Rolle spielen. Wer weiß, vielleicht kommt er ja mal im Fernsehen? Super RTL zeigt glaub ich demnächst wieder einen Pack Ghiblis, worunter der hier zwar nicht ist, aber Flüstern des Meeres, von daher wäre Tränen der Erinnerung sicherlich auch irgendwann mal drin. Sind ja beides nicht deren üblichen Kinderfilm-Ausstrahlungen.

      Antworten
      • rothemd

         /  9. April 2012

        Super RTL zeigt dabei glaube ich auch irgendwelche der Evangelion Filme, was wohl eine ganze Reihe traumatisierter Kinder zur Folge haben dürfte.

        Zu Tränen der Erinnerung:
        Ich kannte den Film, wusste aber nicht dass er von Ghibli ist (auch wenn es im Nachhinein doch recht offensichtlich ist). Konnte damals nicht wirklich allzu viel mit anfangen, schaubar ist er aber dennoch.

      • Ich geh mal davon aus, es wird wie alle Anime im deutschen TV, die nicht ins Kinderprogramm passen: Schlechte Quote und dementsprechend danach kein zweites Mal

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