Modern Alice

Die letzte Alice, an der ich Interesse habe, ist der TV-Zweiteiler aus 2009. Übrigens vom gleichen Regisseur, wie die 1999er-Version, wie ich gerade lese. Und eine der Original Productions des TV-Senders Syfy… was eigentlich eher abschrecken sollte, aber bekanntlich findet auch ein blindes Huhn mal ein Korn, nicht wahr?

Alice ist eine Judo-Lehrerin, ihr Vater verschwand, als sie 10 war und seither lebt sie mit der Mutter zusammen und hat ein Problem, feste Bindungen einzugehen. Umso größer ist die Sache, die am heutigen Abend ansteht: Ihr neuester Freund kommt vorbei, um der Mutter vorgestellt zu werden. Die Sache läuft auch gut, bis jener plötzlich eine SMS bekommt, in der nur „Renn“ steht. Ganz überstürzt gibt er Alice einen Ring und will sie unbedingt auch seiner Mutter vorstellen… was ihr dann natürlich doch etwas schnell geht. Und schwupps, schon ist er aus dem Haus und die ihm folgende Alice sieht nur noch, wie er in einen Van gezogen und entführt wird.

Mehr Probleme bahnen sich an, als ein in Weiß gekleideter Mann von ihr den Ring haben will und dann durch einen Spiegel verschwindet. Alice, die sich nicht einfach so ihren Freund entführen lässt, folgt ihm natürlich auf dem Fuße. Sie landet im Wunderland, das sich allerdings stark verändert hat in den 150 Jahren, seit die erste Alice es besuchte. Es ist ein ziemlich runtergekommener Ort geworden, der von der Herzkönigin regiert wird. Jene lässt „Austern“, Menschen aus Alices Welt, entführen und sie dann ihre Emotionen entziehen, die von der Wunderland-Bevölkerung wie Drogen konsumiert werden und sie so zu willenlosen Untertanen machen, die sich der Herzregierung nicht in den Weg stellen. Natürlich gibt es auch eine Untergrund-Gegenbewegung und einen Vertreter davon wird Alice schon bald in Form des Hutmachers treffen.

Jepp Alice (2009) ist eine fröhlich von der Leber weg inspirierte Neuinterpretation des Stoffes. Ein heruntergekommenes, kaputtes Wunderland, nicht so düster wie in Alice (1988) oder Alice in Wonderland (2010), da das märchenhafte, die Magie jenem hier komplett abgeht. Es ist… apokalyptischer? Schwer zu beschreiben, jedoch ist dieses Wunderland optisch wesentlich stärker in der Realität behaftet, sind alle Bewohner diesmal Menschen.

Die Anspielungen auf das Original sind natürlich reichlich. Mehrmals wird erwähnt, dass vor 150 Jahren bereits eine Alice das Wunderland besuchte (was ziemlich genau mit der Buchveröffentlichung einher geht). Alices Freund bringt ihr zum Date einen Strauß weißer Rosen mit einer roten darinnen mit. Alice trägt ein blaues Kleid. Nachdem sie, frisch im Wunderland angekommen, unfreiwillig baden gegangen ist und wieder an Land kommt, sieht sie zunächst eine tote Maus in einer Falle. Der Mann in Weiß, dem Alice gefolgt ist, hat seine langen weißen Haare zu zwei Zöpfen zusammen, a la Hasenohren. An allen Ecken und Enden kann man jene Hinweise auf den Originalstoff entdecken, mal mehr mal weniger geschickt eingestreut, jedoch allgegenwärtig.

Das macht dann auch viel vom Interesse des Zweiteilers aus, einfach sehen, was man sich einfallen lassen hat, wie das gute alte Wunderland doch in dieses moderne, SciFi-esque Wunderland umgebaut wurde. Und der Trip an sich ist glücklicherweise auch alles andere als unspannend geraten, sondern hält doch ganz gut bei Stande. Ihm ist dadurch geholfen, dass die Reise hier etwas weniger Episodenhaft wirkt, hier ist mehr Stringenz hinter den Ereignissen und immer ein roter Faden da, warum Alice überhaupt jetzt tut, was sie tut. Sie ist halt kein kleines Mädel, das vor Langeweile einschläft und schräges Zeug träumt. Auch wenn sie schon ganz schön viel durch macht, nur um ihren Freund wiederzubekommen, zu dessen Ringübergabe zu Beginn sie noch stark abgeblockt hat, weil ihr das doch zu schnell ging.

Alles ist allerdings nicht rosig im hiesigen Alice. Das Design ist grundsätzlich ganz schnieke anzusehen, irgendwo zwischen poppige 60iger und futuristischer Vision, Mit Schirm, Charme und Melone trifft Inception sozusagen – aber man sieht halt doch stark, dass das Budget nicht pralle war. An der Imagination scheiterts also nicht, sondern am schnöden Mammon… etwas. Außerdem fand ich den zweiten Teil gegenüber dem rasant-packenden ersten etwas schwächer. Er beginnt etwas Ziellos und so wirklich richtig in einem großen Klimax alles zu einem feinen Ende zusammen gebunden wird auch nicht, stattdessen kommt jenes etwas überstürzt und unspektakulär. Als hätte man nicht gewusst, wie man all das jetzt zu einem runden Ganzen bekommt und stattdessen den einfachsten Weg raus genommen. So endete der eigentlich echt interessante Trip etwas unbefriedigend.

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6 Kommentare

  1. Ich habe nie von dieser Alice-Version gehört… ist die in unseren Gefilden eigentlich jemals erschienen?

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    • Das deutsche Wiki kennt ihn nicht (aber was kennt das deutsche Wiki schon), Amazon listet nur eine Import-DVD und im IMDB taucht kein Germany-Release auf… von daher geh ich mal davon aus, dass es tatsächlich kein deutsches Release davon gab. Komisch, großartige Lizenzkosten kann so ein SyFy Original doch nicht haben xD

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  2. Ich habe hier noch eine Adaption gefunden, die lose Zusammenhänge hat:
    http://www.amazon.de/Alice-Joe-Mantegna/dp/B0006OK3MU/ref=sr_1_9?s=dvd&ie=UTF8&qid=1333098138&sr=1-9
    Außerdem ist in der deutschen Wiki eine Porno-Version von 2010 angegeben:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Malice_in_Lalaland

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