Vampire Chronicles – Blood Canticle

Sind wir also angelangt, beim letzten Buch der Vampirchroniken. Nachdem man in den letzten Büchern schon so das Gefühl bekam, dass Anne Rice die Serie langsam leid wird, kann man sich sicher sein, dass sie es bei Hohelied des Blutes definitiv war und lieber ihre Jesus-Lebensgeschichte endlich anfangen wollte, aber die Fans wollten ja unbedingt ein definitives Abschlusskapitel. Also hat sie das hier raus gerotzt, 400ish Seiten später dann unterzeichnet, zum ersten Mal nicht als der fiktive vampirische Schreiber des Romans, sondern als Anne Rice selbst. Schluss, aus, Ende.

Ein Schlussstein ist es dann auch, nicht für die Vampirchroniken, sondern für die Hexenromane. Lestat hat Mona zur Vampirin gemacht, eine wichtige Persönlichkeit des Hauptzweigs des Mayfair-Clans, also müssen sich nun mit der Familie auseinander setzen. Und dann den Verbleib der Taltos ausfindig machen. Was die Vampire angeht, so richtig ein definitiver Schluss ist es nicht. Weltenbummler Lestat hat am Ende wohl dann endlich mal seine Ruhe gefunden, von daher haut es schon irgendwie hin, nehm ich mal an. Aber mit einem großen Gong geht er nicht, sondern als laues Fürzchen.

Das Buch liest sich seltsam. Trocken und ungeschliffen, direkt und ohne lange Beschreibungen und blumige Ausschmückungen. Keine schwüle Erotik, keine grausamen Horrorelemente. Ist das Anne Rice? Ja sicher, die Anne Rice der 2000er, leider. Diejenige, die nicht mehr interessant zu schreiben weiß. Vielleicht ist Stephenie Meyer ja in Wirklichkeit ihr neuestes Pseudonym?

Das Buch fängt schon schrecklich an. Wie immer die Einleitung unsres fiktiven Schreibers, erneut Lestat. Er beschwert sich, und durch ihn natürlich Anne Rice. Darüber, dass seine Fans ihn nicht zu würdigen wissen, seine neuen Romane nicht mögen, seine „gewachsene“ Persönlichkeit nicht mögen, sondern den alten Stil bevorzugen. Kritik an den Kritikern verüben, ganz direkt wenn auch unter dem Deckmantel der fiktiven erschaffenen Figur. Unfein, Frau Rice, ganz unfein.

Und dann, im Buch, wie immer alle so handzahm. Anne Rice ist nun gläubige Christin. Das ist schön für die Dame, aufs Alter noch einen Glauben für sich entdecken zu können. Aber warum sind es dadurch jetzt auch alle ihre Charaktere? Warum sind alles solche Gutmenschen, immer ums wohl ihrer Mitmenschen bedacht, möglichst allen Konflikten aus dem Weg gehend? So wohl erzogen, so brav, so langweilig. Oh sicher, Mona macht kurz Terror, so weit bleibt sie jener Figur treu, aber danach erst mal wieder Seitenlang wie sie und Lestat sich gegenseitig beieinander dafür entschuldigen, so ein aufbrausendes Temperament zu haben. Dem Mayfair-Clan ein Mitglied geraubt, zur Untoten gemacht – und über einen kurzen Plausch beim Kaffekränzchen mit jenen ist alles in Ordnung, keine Bange, war schon richtig so. Quinn mag nicht mehr der Hausherr von Blackwood Farm sein, aber alle sind von ihm abhängig – doch da findet sich auch schon der perfekte Ersatz, der die ganze Zeit unter seiner Nase war. Konflikte? Auseinandersetzung? Nicht in Hohelied des Blutes.

Und dann das Anbandeln Lestats mit Rowan? Ich habe keine Worte dafür, wie blöd das ist. Das letzte Kapitel, die finalen 10 oder 15 Seiten im Besonderen, die ein sowieso nicht gutes und vor allem gar nicht gut geschriebenes Buch noch um einige erhebliche Nuancen verschlechtern. Dabei hätte es ein Kapitel vorher geendet, wäre es ein netter Ausklang gewesen, aber Anne Rice kann es mal wieder nicht lassen, aufs Finale was zu veranstalten. Selbst beim Schlusskapitel der Saga nicht.

Und was ist eigentlich mit Lestat, dem Flegelprinz, dem Dandy, dem Rebell? Er ist ein Heiliger hier. Zumindest versichert er uns jede ungerade Seite, dass er gerne einer wäre, nur um jede gerade doch wieder zu sagen, dass es für so einen Unhold wie ihn ja gar nicht möglich ist. Dabei ist er ein Samariter. Klar, Blut muss er noch trinken, tut er ja sowieso nur vom menschlichen Abschaum. Philosophische „Was ist ein Leben wert“-Fragen lassen wir jetzt mal raus, er muss ja auch irgendwie Überleben und tut es auf die „moralisch“ beste Weise, die ihm bleibt. Er tut niemandem was, setzt sich mit niemandem auseinander, es sei denn sein Ego wird zu sehr angekratzt und dann tut ihm sein Aufbrausen eh sofort unsterblich leid. Er tötet ein Vampirpaar, weil sie sich Grausamkeiten hingeben, die er genau so früher auch veranstaltet hat, weil er in ihnen angeblich keine Besserungsmöglichkeit sieht. Ein Heuchler sind wir nun also auch? Er durfte „moralisch“ Reifen, anderen wird das verwehrt, die müssen ausgelöscht werden. Und er darf sich anmaßen, jene Gerichtbarkeit zu sein. Ja, er darf danach sogar noch romantisch vor sich hin leiden, freilich nicht aus Mitleid ihnen gegenüber, sondern weil sie ihn an sein früheres Ich erinnert haben. Ein Egomane war er ja schon immer, wohl der einzige Charakterzug, der ihm erhalten geblieben ist.

Er glaubt an Gott. Er unterbricht die Geschichte mitten drin um uns ein Kapitel lang zu erzählen, dass irgendwo jemand vom Papst zum Heiligen gesprochen wurde. Relevanz der Sache? Nicht vorhanden. Er lässt sich drüber aus, wie scheiße es ist, dass in allen Presseartikeln dazu aufgeworfen wird, dass es Zweifler gibt, ob besagte Person überhaupt existierte oder nur erfunden ist – weil das die Unfehlbarkeit des Papstes anzweifelt. Ja, journalistische Freiheit ist schon scheiße, besonders wenn sie berechtige Zweifel aufbringt. Immerhin geht es hier um den Papst. Wirklich, Lestat? Er ist kein Rebell mehr, er hat keinen Witz und Charme mehr, er erschüttert die Welt nicht mehr. Lestat ist ein weichgespülter Langweiler. Und damit endet seine Geschichte, sein moralisches Wachstum als Charakter, wie es Anne Rice zu schreiben pflegt, als Niemand. Niemand von Interesse zumindest.

Advertisements
Vorheriger Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: