Vampire Chronicles – Vittorio

Italien scheint es Anne Rice angetan haben, wenn ihr Buch nicht gerade in New Orleans spielt, dann hier. Nach Armand verlassen wir das Land somit noch nicht gleich, sondern schwelgen mit Vittorio etwas länger in der Renaissance, nur diesmal um Florenz statt in Venedig. Wobei, so sehr wie üblich darin schwelgen tut sie gar nicht. Vittorio ist zudem nach Pandora der zweite und bereits letzte Eintrag in ihre Nebenchronik. Hier macht diese Kategorisierung sogar einen Stück weit Sinn, ist Vittorios Geschichte doch tatsächlich komplett von den zusammengehörigen Ereignissen der Hauptchronik losgelöst und kommt nicht mit auch nur einem daraus bekannten Charakter in Berührung. Auch wenn es die gute Frau Rice mal wieder nicht lassen kann, die Möglichkeit zu erwähnen, er könne später in der Hauptgeschichte erneut auftreten, woraus dann wie üblich nie was wurde.

Um ehrlich zu sein, macht Vittorio wohl keinen guten Ersteindruck. Wie alle Vampire von Anne Rice ist dies hier eine fiktive Audiobiographie und beginnt somit mit einem klärenden kleinen Vorwort, bevor die eigentliche Geschichte beginnt. Und in jenem breitet sich Vittorio erst mal darüber aus, wie toll, begabt, reich und schön er doch ist. Natürlich gleich revidierend, dass dies nun mal Tatsache und keine Selbstverliebtheit wäre und der einzige Grund, der sein Überleben als Untoter gesichert hat. Immerhin werden bei Anne Rice nur Leute zu Vampiren gemacht, die jene faszinieren. Sicherlich verständlich, warum sollten langweilige Otto-Normal-Leute schon unsterblich gemacht werden? Von denen trinkt man und das war’s, jemand muss schon was besonderes an sich haben, wenn man sich in der Ewigkeit nicht von ihm trennen will. Das sehe ich ein, dennoch ist es kein guter Anfang, bereits in den ersten Absätzen eines Buches zu lesen, dass der hiesige Hauptcharakter praktisch ohne jeden Makel ist. Perfekte Protagonisten sind nämlich genauso langweilig.

Und dann heult er auch noch rum, was ein Fluch es doch ist, Vampir zu sein. Unsterblich, übermenschlich kräftig und für immer jung und schön zu sein muss schon verdammt schlimm sein. All dies taten Anne Rices Vampire schon immer, doch langsam wird es penetrant und nicht mehr so geschickt eingewoben. Müssen sie wirklich ausnahmslos alle reiche, hochbegabte Supermodels sein, die ihre Unsterblichkeit als größte Tragik ansehen? Anne Rice Vampire bekommen langsam das Problem zu Schablonenhaft zu sein, sich zumindest in den Grundlegenden Dingen zu sehr zu ähneln.

Doch wenn die Geschichte dann endlich ins Rollen kommt, legt sich der anfängliche Unmut etwas, wird der saure Geschmack schnell ausgespült. Vittorios Geschichte vom Massaker an seinem Familienhof durch Vampire und seine darauf resultierende Vendetta ist durchaus nicht ganz uninteressant, sondern weiß schon zu unterhalten. Viel mehr aber auch nicht. Zum einen ist es sehr erfrischend, dass die hiesige Geschichte sehr stramm und bündig ist, nicht sonderlich ausschweift und auch die blumige Wortwahl zurückschraubt, doch gleichzeitig fehlt es ihr eben ein wenig an Eleganz, Atmosphäre, einfach den richtig beklemmend-bedrückenden Schreibstil der anderen. Nicht jeder mag die endlosen Verstrickungen in unwichtige Detailbeschreibung mit einhergehend schwülstiger Wortwahl so manch anderen Romans von Anne Rice mögen, doch wenn es so richtig schön ins Chaos und in den Wahnsinn ging, ja das konnte sie verdammt gut beschreiben. All das fehlt hier. Es ist eine durchschnittliche Geschichte. Kurz und knapp, wird nicht langweilig, aber so ganz zu packen weiß sie auch nicht.

Seltsam, und durchaus eine Sache vieler der späteren Vampirromane ist, dass hier auch wenig Vampir drin steckt. Die meiste Zeit der Geschichte ist Vittorio ein Mensch, erst auf die letzten 50 Seiten oder so wird er zum Vampir. In früheren Romanen war das noch andersrum, das Menschenleben recht kurz und der Gros der Romane dann die interessanten Eskapaden mit den neu erwachten Vampirkräften über die Jahrhunderte hinweg. Dafür, dass Vittorio seit 500 Jahren lebt, hat er erstaunlicherweise zu 480 davon nix zu sagen, seine Geschichte endet, wenn er zum Vampir wird. Er möchte keiner sein und hat zu seinem Dasein als solcher fast nichts zu berichten. Seltsam. Vielleicht zeigt dies aber auch nur, dass Anne Rice langsam ihr Händchen für die Serie zu verlieren beginnt oder sie selbst überdrüssig wird. Und die Engels-Erscheinungen? Schön für die liebe Frau Rice, wenn sie nach Jahrzehnten als Atheistin zum christlichen Glauben gefunden hat und damit zufrieden ist (bzw. mittlerweile schon wieder „war“), aber muss deswegen in jedem ihrer Romane – dann noch in einer Serie, die sich zu Beginn besonders durch ihre Irreligiosität auszeichnete – dies einzufließen beginnen? Ein weiterer Grund, warum sie immer ähnlicher wirken.

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